Immanuel Kant

Allgemeine Naturgeschichte und Theorie Des Himmels

Dritter Theil

welcher einen Versuch einer auf die Analogien der Natur gegrndeten Vergleichung zwishen den Einwohnern verschiedener Planeten in sich enthlt.

Wer das Verhltniss aller Welten von einem Theil zum andern weiss,
Wer aller Sonnen Menge kennet und jeglichen Planetenkreis,
Wer die verschiedenen Bewohner von einem jeden Stern erkennet,
Dem ist allein, warum die Dinge so sind, als wie sie sind, vergnnet,
Zu fassen und uns zu erklren.
Pope

Anhang

Von den Bewohnern der Gestirne

Weil ich dafr halte, dass es den Charakter der Weltweisheit entehren heisse, wenn man sich ihrer gebraucht, mit einer Art von Leichtsinn freie Ausschweifungen des Witzes mit einiger Scheinbarkeit zu behaupten, wenn man sich gleich erklren wollte, dass es nur geschhe, um zu belustigen: so werde ich in gegenwrtigem Versuche keine anderen Stze anfhren, als solche, die zur Erweiterung unseres Erkenntnisses wirklich beitragen knnen, und deren Wahrscheinlichkeit zugleich so wohl gegrndet ist, dass man sich kaum entbrechen kann, sie gelten zu lassen.

Obgleich es scheinen mochte, dass in dieser Art des Vorwurfes die Freiheit zu erdichten keine eigentliche Schranken habe, und dass man in dem Urtheil von der Beschaffenheit der Einwohner entlegener Welten mit weit grsserer Ungebundenheit der Phantasie knne den Zgel schiessen lassen, als ein Maler in der Abbildung der Gewchse oder Thiere unentdeckter Lnder, und dass dergleichen Gedanken weder recht erwiesen, noch widerlegt werden knnten: so muss man doch gestehen, dass die Entfernungen der Himmelskrper von der Sonne gewisse Verhltnisse mit sich fhren, welche einen wesentlichen Einfluss in die verschiedenen Eigenschaften der denkended Naturen nach sich ziehen, die auf denselben befindlich sind, als deren Art zu wirken und zu leiden an die Beschaffenheit der Materie, mit der sie verknpft sind, gebunden ist und von dem Mass der Eindrcke abhngt, die die Welt nach den Eigneschaften der Beziehung ihres Wohnplatzes zu dem Mittlepunkte der Attraction und der Wrme in ihnen erweckt.

Ich bein der Meinung, dass es eben nicht nothwendig sei, zu behaupten, alle Planeten mssten bewohnt sein, ob es gleich eine Ungereimtheit wre, dieses in Ansehung aller, oder auch nur der meisten zu leugnen. Bei dem Reichthume der Natur, da Welten und Systeme in Ansehung des Ganzen der Schpfung nur Sonnenstubchen sind, knnte es auch wohl de und unbewohnte Gegenden geben, die nicht auf das genaueste zu dem Zwecke der Natur, nmlich der Betrachtung vernftiger Wesen, genuzt wrden. Es wre, als wenn man sich aus dem Grunde der Weisheit Gottes ein Bedenken machen wollte, zuzugeben, dass sandichte und unbewohnte Wsteneien grosse Strecken des Erdbodens einnehmen, und dass es verlassene Inseln im Weltmeere gebe, darauf kein Mensch befindlich ist. Indessen ist ein Planet viel weniger in Ansehung des Ganzen der Schpfung, als eine Wste, oder Insel in Ansehung des Erdbodens.

Vielleicht dass sich noch nicht alle Himmelskrper vllig ausgebildet haben; es gehren Jahrhunderte und vielleicht tausende von Jahren dazu, bis ein grosser Himmelskrper einen festen Stand seiner Materien erlangt hat. Jupiter scheint noch in diesem Streite zu sein. Die merkliche Abwechselung seiner Gestalt zu verschiedenen Zeiten hat die Astronomen schon vorlngst muthmassen lassen, dass er grosse Umstrzungen erleiden msse und bei weiten so ruhig auf seiner Oberflche nicht sei, als es ein bewohnbarer Planet sein muss. Wenn er keine Bewohner hat und auch keine jemals haben sollte, was fr ein unendlich kleiner Aufwand der Natur wre dieses in Ansehung der Unermesslichkeit der ganzen Schpfung? Und wre es nicht vielmehr ein Zeichen der Armuth, als des berflusses derselben, wenn sie in jedem Punkte des Raumes so sorgfltig sein sollte, alle ihre Reichthmer aufzuzeigen?

Allein man kann noch mit mehr Befriedigung vermuthen, dass, wenn er gleich jetzt unbewohnt ist, er dennoch es dereinst werden wird, wenn die Periode seiner Bildung wird vollendet sein. Vielleicht ist unsere Erde tausend oder mehr Jahre vorhanden gewesen, ehe sie sich in Verfassung befunden hat, Menschen, Thiere und Gewchse unterhalten zu knnen. Dass ein Planet nun einige tausend Jahre spter zu dieser Vollkommenheit kommt, das thut dem Zweke seines Daseins keinen Abbruch. Er wird eben um deswillen auch ins zukunftige lnger in der Vollkommenheit seiner Verfassung, wenn er sie einmal erreicht hat, verbleiben; denn es ist einmal ein gewisses Naturgesetz: alles, was einen Anfang hat, nhert sich bestndig seinem Untergange und ist demselben um so viel nher, je mehr es sich von dem Punkte seines Anfanges entfernt hat.

Die satirische Vorstellung jenes witzigen Kopfes aus dem Haag, welcher nach der Anfhrung der allgemeinen Nachrichten aus dem Reiche der Wissenschaften die Einbildung von der nothwendigen Bevlkerung aller Weltkrper auf der lcherlichen Seite vorzustellen wusste, kann night anders, als gebilligt werden. "Diejenigen Creaturen," spricht er, "welche die Wlder auf dem Kopfe eines Bettlers bewohnen, hatten schon lange ihren Aufenthalt fr eine unermessliche Kugel und sich selber als das Meisterstck der Schpfung angesehen, als einer unter ihnen, den der Himmel mit einer feinern Seele begabt hatte, ein kleiner Fontenelle seines Geschlechts, den Kopf eines Edlemanns unvermuthet gewahr ward. Alsbald rief er alle witzige Kpfe seines Quartiers zusammen und sagte ihnen mit Entzckung: Wir sind night die einzigen belebten Wesen der ganzen Natur; sehet hier ein neues Land, hier wohnen mehr Luse." Wenn der Ausgang dieses Schlusses ein Lachen erweckt: so geschieht es nicht um deswillen, weil er von der Menschen Art, zu urteilen, weit abgeht; sondern weil eben derselbe Irrthum, der bei dem Menschen eine gleiche Ursache zum Grunde hat, bei diesen mehr Entschuldigung zu verdienen scheint.

Lasst uns ohne Vorurtheil urtheilen. Dieses Insect, welches sowohl seiner Art zu leben, als auch seiner Nichtswrdigkeit nach die Beschaffenheit der meisten Menschen sehr wohl ausdrckt, kann mit gutem Fuge zu einer solchen Vergleichung gebraucht werden. Weil seiner Einbildung nach der Natur an seinem Dasein unendlich viel gelegen ist: so hlt es die ganze brige Schpfung fr vergeblich, die nicht eine genaue Abzielung auf sein Geschlecht, als den Mittelpunkt ihrer Zwecke, mit sich fhrt. Der Mensch, welcher gleich unendlich weit von der obersten Stufe der Wesen absteht, ist so verwegen, von der Nothwendigkeit seines Daseins sich mit gleicher Einbildung zu schmeicheln. Die Unendlichkeit der Schpfung fasst alle Naturen, die ihr berschwenglicher Reichthum hervorbringt, mit gleicher Nothwendigkeit in sich. Von der erhabensten Classe unter den denkenden Wesen bis zu dem verachtetesten Insect ist ihr kein Glied gleichgltig; und es kann keins fehlen, ohne dass die Schnheit des Ganzen, welche in dem Zusammenhang besteht, dadurch unterbrochen wrde. Indessen wird alles durch allgemeine Gesetze bestimmt, welche die Natur durch die Verbindung ihrer ursprnglich eingepflanzten Krfte bewirkt. Weil sie in ihrem Verfahren lauter Wohlstndigkeit und Ordnung hervorbringt: so darf keine einzelne Absicht ihre Folgen stren und unterbrechen. Bei ihrer ersten Bildung was die Erzeugung eines Planeten nur eine unendlich kleine Floge ihrer Fruchtbarkeit; und nun wre es etwas Ungereimtes, dass ihre so wohlgegrndete Gesetze den besondern Zwecken dieses Atomus nachgeben sollten. Wenn die Beschaffenheit eines Himmelskrpers der Bevlkerung natrliche Hindernisse entgegen setzt: so wird er unbewohnt sein, obgleich es an un fr sich schner wre, dass er Einwohner htte. Die Trefflichkeit der Schpfung verliert dadurch nichts: denn das Unendliche ist unter allen Grssen diejenige, welche durch Entziehung eines endlichen Theils nicht vermindert wird. Es wre, als wenn man klagen wollte, dass der Raum zwischen dem Jupiter und dem Mars so unnthig leer steht, und dass es Kometen giebt, welche night bevlkert sind. In der That, jenes Insect mag uns so nightswrdig scheinen, als es wolle, es ist der Natur gewiss an der Erhaltung seiner ganzen Classe mehr gelegen, als an einer kleinen Zahl vortrefflicherer Geschpfe, deren es dennoch unendlich viel giebt, wenn ihnen gleich eine Gegend, oder Ort beraubt sein sollte. Weil sie in Hervorbringung beider unerschpflich ist, so sieht man ja gleich unbekmmert beide in ihrer Erhaltung und Zerstrung den allgemeinen Gesetzen berlassen. Hat wohl jemals der Besitzer jene bewohnten Wlder auf dem Kopfe des Betters grssere Verheerungen unter dem Geschlechte dieser Colonie gemacht, als der Sohn Philipps in dem Geschlechte seiner Mitbrger anrichtete, als es ihm sein bser Genius in den Kopf gesetzt hatte, dass die Welt nur um seinetwillen hervorgebracht sei?

Indessen sind doch die meisten unter den Planeten gewiss bewohnt, und die es nicht sind, werden es dereinst werden. Was fr Verhltnisse werden nun unter den verschiedenen Arten dieser Einwohner durch die Beziehung ihres Ortes in dem Weltgebude zu dem Mittelpunkte, daraus sich die Wrme verbreitet, die alles belebt, verursacht werden? Denn es ist gewiss, dass diese unter den Materien dieser Himmelskrper nach Proportion ihres Abstandes gewisse Verhltnisse in ihren Bestimmungen mit sich fhrt. Der Mensch, welcher unter allen vernnftigen Wesen dasjenige ist, welches wir am deutlichsten kennen, ob uns gleich seine innere Beschaffenheit annoch ein unerforschtes Problema ist, muss in dieser Vergleichung zum Grunde und zum allgemeinen Beziehungspunkte dienen. Wir wollen ihn allhier nicht nach seinen moralischen Eigenschaften, auch nicht nach der physischen Einrichtung seines Baues betrachten: wir wollen nur untersuchen, was das Vermgen, vernnftig zu denken, und die Bewegung seines Leibes, die diesem gehorcht, durch die dem Abstande von der Sonne proportionirte Beschaffenheit der Materie, an die er geknpft ist, fr Einschrnkungen leide. Des unendlichen Abstandes ungeachtet, welcher zwischen der Kraft, zu denken, und der Bewegung der Materie, zwischen dem vernnftigen Geiste und dem Krper anzutreffen ist, so ist es doch gewiss, dass der Mensch, der alle seine Begriffe und Vorstellungen von den Eindrcken her hat, die das Universum vermittelst des Krpers in seiner Seele erregt, sowohl in Ansehung der Deutlichkeit derselben, als auch der Fertigkeit, dieselbe zu verbinden und zu vergleichen, welche man das Vermgen zu denken nennt, von der Beschaffenheit dieser Materie vllig abhngt, an die der Schpfer ihn gebunden hat.

Der Mensch is erschaffen, die Eindrcke und Rhrungen, die die Welt in ihm erregen soll, durch denjenigen Krper anzunehmen, der der sichtbare Theil seines Wesens ist, und dessen Materie nicht allein dem unsichtbaren Geiste, welcher ihn bewohnt, dient, die ersten Begriffe der usseren Gegenstnde einzudrcken, sondern auch in der innern Handlung diese zu wiederholen, zu verbinden, kurz, zu denken, unentbehrlich ist. Nach dem Masse, als sein Krper sich ausbildet, bekommen die Fhigkeiten seiner denkenden Natur auch die gehrigen Grade der Vollkommenheit und erlangen allererst ein gesetztes und mnnliches Vermgen, wenn die Fasern seiner Werkzeuge die Festigkeit und Dauerhaftigkeit berkommen haben, welche die Vollendung ihrer Ausbildung ist. Diejenigen Fhigkeiten entwickeln sich bei ihm frh genug, durch welche er der Nothdurft, die die Abhngigkeit von den usserlichen Dingen ihm zuzieht, genug thun kann. Bei einigen Menschen bleibt es bei diesem Grade der Auswickelung. Das Vermgen, abgezogene Begriffe zu verbinden und durch eine freie Anwendung der Einsichten ber den Hang der Leidenschaften zu herrschen, findet sich spt ein, bei einigen niemals in ihrem ganzen Leben; bei allen aber is es schwach: es dient den unteren Krften, ber die es doch herrschen sollte, und in deren Regierung der Vorzug seiner Natur besteht. Wenn man das Leben der meisten Menschen ansieht: so scheint diese Creatur geschaffen zu sein, um wie eine Pflanze Saft in sich zu ziehen und zu wachsen, sein Geschlecht fortzusetzen, endlich alt zu werden und zu sterben. Er erreicht unter allen Geschpfen am wenigsten den Zweck seines Daseins, weil er seine vorzgliche Fhigkeiten zu solchen Absichten verbraucht, die die brigen Creaturen mit weit minderen und doch weit sicherer und anstndiger erreichen. Er wrde auch das verachtungswrdigste unter allen zum wenigsten in den Augen der wahren Weisheit sein, wenn die Hoffnung des Knftigen ihn nicht erhbe, und den in ihm verschlossenen Krften nicht die Periode einer vlligen Auswickelung bevorstnde.

Wenn man die Ursache der Hindernisse untersucht, welche die menschliche Natur in einer so tiefen Erniedrigung erhalten: so findet sie sich in der Grobheit der Materie, darin sein geistiger Theil versenkt ist, in der Unbiegsamkeit der Fasern und der Trgheit und Unbeweglichkeit der Sfte, welche dessen Regungen gehorchen sollen. Die Nerven und Flssigkeiten seines Gehirnes liefern ihm nur grobe und undeutliche Begriffe, und weil er der Reizung der sinnlichen Empfindungen in dem Inwendigen seines Denkungsvermgens nicht genugsam krftige Vorstellungen zum Gleichgewichte entgegen stellen kann: so wird er von seinen Leidenschaften hingerissen, von dem Getmmel der Elemente, die seine Maschine unterhalten, bertubt und gestrt. Die Bemhungen der Vernunft, sich dagegen zu erheben und diese Verwirrung durch das Licht der Urtheilskraft zu vertreiben, sind wie die Sonnenblicke, wenn dicke Wolken ihre Heiterkeit unablssig unterbrechen und verdunkeln.

Diese Grobheit des Stoffes und des Gewebes in dem Baue der menschlichen Natur ist die Ursache derjenigen Trgheit, welche die Fhigkeiten der Seele in einer bestandigen Mattigkeit und Kraftlosigkeit erhlt. Die Handlung des Nachdenkens und der durch die Vernunft aufgeklrten Vorstellungen ist ein mhsamer Zustand, darein die Seele sich nicht ohne Widerstand setzen kann, und aus welchem sie durch einen natrlichen Hang der krperlichen Maschine alsbald in den leidenden Zustand zurckfllt, da die sinnlichen Reizungen all ihre Handlungen bestimmen und regieren.

Diese Trgheit seiner Denkungskraft, welche eine Folge der Abhngigkeit von einer groben und ungelenksamen Materie ist, ist nicht allein die Quelle des Lasters, sondern auch des Irrthums. Durch die Schwierigkeit, welche mit der Bemhung verbunden ist, den Nebel der verwirrten Begriffe zu zerstreuen und das durch verglichene Ideen entspringende allgemeine Erkenntniss von den sinnlichen Eindrcken abzusondern, abgehalten, giebt sie lieber einem bereilten Beifalle Platz und beruhigt sich in dem Besitze einer Einsicht, welche ihr die Trgheit ihrer Natur und der Widerstand der Materie kaum von der Seite erblicken lassen.

In dieser Abhngigkeit schwinden die geistigen Fhigkeiten zugleich mit der Lebhaftigkeit des Leibes: wenn das hohe Alter durch den geschwchten Umlauf der Sfte nur dicke Sfte in dem Krper kocht, wenn die Beugsamkeit der Fasern und die Behendigkeit in allen Bewegungen abnimmt, so erstarren die Krfte des Geistes in einer gleichen Ermattung. Die Hurtigkeit der Gedanken, die Klarheit der Vorstellungen, die Lebhaftigkeit des Witzes und das Erinnerungsvermgen werden kraftlos und erkalten. Die durch lange Erfahrung eingepfropften Begriffe ersetzen noch einigermassen den Abgang dieser Krfte, und der Verstand wrde sein Unvermgen noch deutlicher verrathen, wenn die Heftigkeit der Leidenschaften, die dessen Zgel ntig haben, nicht zugleich und noch eher als er abnehmen mchten.

Es erhellt demnach hieraus deutlich, dass die Krfte der menschlichen Seele von dem Hindernissen einer groben Materie, an die sie innigst verbunden werden, eingeschrnkt und gehemmt werden; aber es ist etwas noch Markwrdigeres, dass diese specifische Beschaffenheit des Stoffes eine wesentliche Beziehung zu dem Grade des Einflusses hat, womit die Sonne nach dem Masse ihres Abstandes sie belebt und zu den Verrichtungen der animalischen konomie tchtig macht. Diese nothwendige Beziehung zu dem Feuer, welches sich aus dem Mittelpunkte des Weltsystems verbreitet, um die Materie in der nthigen Regung zu erhalten, ist der Grund einer Analogie, die eben hieraus zwischen den verschidenen Bewohnern der Planeten fest gesetzt wird; und eine jede Classe derselben ist vermge dieses Verhltnisses an den Ort durch die Nothwendigkeit ihrer Natur gebunden, der ihr in dem Universo angewiesen worden.

Die Einwohner der Erde und der Venus knnen ohne ihr beiderseitiges Verderben ihre Wohnpltze gegeneinander nicht vertauschen. Der erstere, dessen Bildungsstoff fr den Grad der Wrme seines Abstandes proportionirt und daher fr einen noch grssern zu leicht und flchtig ist, wrde in einer erhitzteren Sphre gewaltsame Bewegungen und eine Zerrttung seiner Natur erleiden, die von der Zerstreuung und Austrocknung der Sfte und einer gewaltsamen Spannung seiner elastischen Fasern entstehen wrde; der letztere, dessen grberer Bau und Trgheit der Elemente seiner Bildung eines grossen Einflusses der Sonne bedarf, wrde in einer khleren Himmelsgegend erstarren und in einer Leblosigkeit verderben. Eben so mssen es weit leichtere und flchtigere Materien sein, daraus der Krper des Jupiters-Bewohners besteht, damit die geringe Regung, womit die Sonne in diesem Abstande wirken kann, diese Maschinen eben so krftig bewegen knne, als sie es in den unteren Gegenden verrichtet, und damit ich alles in einem allgemeinen Begriffe zusammenfasse: Der Stoff, woraus die Einwohner verschiedener Planeten, ja sogar die Thiere und Gewchse auf denselben gebildet sind, muss berhaupt um desto leichterer und feinerer Art und die Elasticitt der Fasern sammt der vortheilhaften Anlage ihres Baues um desto vollkommener sein nach dem Masse, als sie weiter von der Sonne abstehen.

Dieses Verhltniss ist so natrlich und wohl gegrndet, dass nicht allein die Bewegungsgrnde des Endzwecks darauf fhren, welche in der Naturlehre gemeiniglich nur als schwache Grnde angesehen werden, sondern zugleich die Proportionen der specifischen Beschaffenheit der Materien, woraus die Planeten bestehen, welche sowohl durch die Rechnungen des Newton, als auch durch die Grnde der Kosmogonie ausgemacht sind, dasselbe besttigen, nach welchem der Stoff, woraus die Himmelskrper gebildet sind, bei den enferntern allemal leichterer Art, als bei den nahen ist, welches nothwendig an den Geschpfen, die sich auf ihnen erzeugen und unterhalten, ein gleiches Verhltniss nach sich ziehen muss.

Wir haben eine Vergleichung zwischen der Beschaffenheit der Materie, damit die vernnftigen Geschpfe auf den Planeten wesentlich vereinigt sind, ausgemacht; und es lsst sich auch nach der Einleitung dieser Betrachtung leichtlich erachten, dass diese Verhltnisse eine Folge auch in Ansehung ihrer geistigen Fhigkeiten eine nothwendige Abhngigkeit von dem Stoffe der Maschine haben, welche sie bewohnen, so werden wir mit mehr als wahrscheinlicher Vermuthung schliessen knnen: dass die Trefflichkeit der denkenden Naturen, die Hurtigkeit in ihren Vorstellungen, die Deutlichkeit und Lebhaftigkeit der Begriffe, die sie durch usserlichen Eindruck bekommen, sammt dem Vermgen sie zusammen zu setzen, endlich auch die Behendigkeit in der wirklichen Ausbung, kurz, der ganze Umfang ihrer Vollkommenheit, unter einer gewissen Regel stehen, nach welcher dieselben nach dem Verhltniss des Abstandes ihrer Wohnpltze von der Sonne immer trefflicher und vollkommener werden.

Da dieses Verhltniss einen Grad der Glaubwrdigkeit hat, der nicht weit von einer ausgemachten Gewissheit entfernt ist, so finden wir ein offnes Feld zu angenehmen Muthmassungen, die aus der Vergleichung der Eigenschaften dieser verschiedenen Bewohner entspringen. Die menschliche Natur, welche in der Leiter der Wesen gleichsam die mittelste Sprosse inne hat, sieht sich zwischen den zwei ussersten Grenzen der Vollkommenheit mitten inne, von deren beiden Enden sie gleich weit entfernt ist. Wenn die Vorstellung der erhabensten Classen vernnftiger Creaturen, die den Jupiter oder den Saturn bewohnen, ihre Eifersucht reizt und sie durch die Erkenntniss ihrer eigenen Niedrigkeit demthigt: so kann der Anblick der niedrigen Stufen sie wiederum zufrieden sprechen und beruhigen, die in den Planeten Venus und Mercur weit unter der Vollkommenheit der menschlichen Natur erniedrigt sind. Welch ein versunderungswrdiger Anblick! Von der einen Seite sahen wir denkende Geschpfe, bei denen ein Grnlnder oder Hottentotte ein Newton sein wrde: und auf der andern Seite andere, die diesen als einen Affen bewundern.

Da jngst die obern Wesen sahn,
Was unlngst recht verwunderlich
Ein Sterblicher bei uns gethan,
Und wie er der Natur Gesetz entfaltet: wunderten sie sich,
Dass durch ein irdisches Geschpf dergleichen mglich zu geschehn,
Und sahen unsern Newton an, so wie wir eining Affen sehn.
Pope

Zu welch einem Fortgange in der Erkenntniss wird die Einsicht jener glckseligen Wesen der obersten Himmelssphren nich gelangen! Welche schne Folgen wird diese Erleuchtung der Einsichten nicht in ihre sittliche Beschaffenheit haben! Die Einsichten des Verstandes, wenn sie die gehrigen Grade der Vollstndigkeit und Deutlichkeit besitzen, haben weit lebhaftere Reizungen als die sinnlichen Anlockungen an sich und sind vermgend, diese siegreich zu beherrschen und unter den Fuss zu treten. Wie herrlich wird sich die Gottheit selbst, die sich in allen Geschpfen malt, in diesen denkenden Naturen nicht malen, welche als ein von den Strmen der Leidenschaften unbewegtes Meer ihr Bild ruhig aufnehmen und zurckstrahlen! Wir wollen diese Muthmassungen nicht ber die einer physischen Abhandlung vorgezeichnete Grenzen erstrecken, wir bemerken nur nochmals die oben angefhrte Analogie: dass die Vollkommenheit der Geisterwelt sowhol, als der materialischen in den Planeten von dem Mercur an bis zum Saturn, oder vielleicht noch ber ihm (wofern noch andere Planeten sind) in einer richtigen Gradenfolge nach der Proportion ihrer Entfernungen von der Sonne wachse und fortschreite.

Indessen dass dieses aus den Folgen der physischen Beziehung ihrer Wohnpltze zu dem Mittlepunkte der Welt zum theil natrlich herfliesst, zum Theil geziemend veranlasst wird: so besttigt andererseits der wirkliche Anblick der vortrefflichsten und sich fr die vorzgliche Vollkommenheit dieser Naturen in den obern Gegenden anschickenden Anstalten diese Regel so deutlich, dass sie beinahe einen Anspruch auf eine vllige berzeugung machen sollte. Die Hurtigkeit der Handlungen, die mit den Vorzgen einer erhabenen Natur verbunden ist, schickt sich besser zu den schnell abwechselnden Zeitperioden jener Sphren, als die Langsamkeit trger und unvollkommener Geschpfe.

Die Sehrhre lehren uns, dass die Abwechselung des Tages und der Nacht im Jupiter in 10 Stunden geschehe. Was wrde der Bewohner der Erde, wenn er in diesen Planeten gesetzt wrde, bei dieser Eintheilung wohl anfangen? Die 10 Stunden wrden kaum zu derjenigen Ruhe zureichen, die diese grobe Maschine zu ihrer Erholung durch den Schlaf gebraucht. Was wrden die Vorbereitung zu den Verrichtungen des Wachens, das Kleiden, die Zeit, die zum Essen angewandt wird, nicht fr einen Antheil an der folgenden Zeit abfordern, und wie wrde eine Creatur, deren Handlungen mit solcher Langsamkeit geschehen, nicht zerstreuet und zu etwas Tchtigem unvermgend gemacht werden, deren 5 Stunden Geschfte pltzlich durch die Dazwischenkunft einer eben so langen Finsterniss unterbrochen wrden? Dagegen wenn Jupiter von vollkommneren Creaturen bewohnt ist, die mit einer feinern Bildung mehr elastische Krfte und eine grssere Behendingkeit in der Ausbung verbinden: so kann man glauben, dass diese 5 Stunden ihnen eben dasselbe und mehr sind, als was die 12 Stunden des Tages fr die niedrige Classe der Menschen betragen. Wir wissen, dass das Bedrfnis der Zeit etwas Relatives ist, welches nicht anders, als aus der Grsse desjenigen, was verrichtet werden soll, mit der Geschwindigkeit der Ausbung verglichen, kann erkannt und verstanden werden. Daher eben dieselbe Zeit, die fr eine Art der Geschpfe gleichsam nur ein Augenblick ist, fr eine andere eine lange Periode sein kann, in der sich eine grosse Folge der Vernderungen durch eine schnelle Wirksamkeit auswickelt. Saturn hat nach der wahrscheinlichen Berechnung seiner Umwlzung, die wir oben dargelegt haben, eine noch weit krzere Abtheilung des Tages und der Nacht und lsst daher an der Natur seiner Bewohner noch vorzglichere Fhigkeiten vermuthen.

Endlich stimmt alles berein das angefhrte Gesetz zu besttigen. Die Natur hat ihren Vorrath augenscheinlich auf der entlegenen Seite der Welt am reichlichsten ausgebreitet. Die Monde, die den geschftigen Wesen dieser glckseligen Gegenden durch eine hinlngliche Ersetzung die Enziehung des Tageslichts vergten, sind in grsster Menge daselbt angebracht, und die Natur scheint sorgfltig gewesen zu sein, ihrer Wirksamkeit alle Beihlfe zu leisten, damit ihnen fast keine Zeit hinderlich sei, solche anzuwenden. Jupiter in Ansehung der Monde einen augenscheinlichen Vorzug vor allen unteren Planeten und Saturn wiederum vor ihm, dessen Anstalten an dem schnen und ntzlichen Ringe, der ihn umgiebt, noch grssere Vorzge von seiner Beschaffenheit wahrscheinlich machen: dahingegen die untern Planeten, bei denen dieser Vorrath unntzlich wrde verschwendet sein, deren Classe weit nher an die Unvernunft grenzt, solcher Vortheile entweder gar nicht, oder doch sehr wenig theilhaftig geworden sind.

Man kann aber (damit ich einem Einwurfe zuvor komme, der alle diese angefhrte bereinstimmung vereiteln knnte) den grsseren Abstand von der Sonne, dieser Quelle des Lichts und des Lebens, nicht als ein bel ansehen, wogegen die Weitlufigkeit solcher Anstalten bei den entferntern Planeten nur vorgekehrt werde, um ihm einigermassen abzuhelfen, und einwenden, dass in der That die obern Planeten eine weniger vortheilhafte Lage im Weltgebude und eine Stellung htten, die der Vollkommenheit ihrer Anstalten nachtheilig wre, weil sie von der Sonne einen schwchern Einfluss erhalten. Denn wir wissen, dass die Wirkung des Lichts und der Wrme nicht durch deren absolute Intensitt, sondern durch die Fhigkeit der Materie, womit sie solche annimmt und ihrem Antriebe weniger oder mehr widersteht, bestimmt werde, und dass daher eben derselbe Abstand, der fr eine Art grober Materie ein gemssigtes Klima kann genannt werden, subtilere Flssigkeiten zerstreuen und fr sie von schdlicher Heftigkeit sein wrde; mithin nur ein feinerer und aus beweglicheren Elementen bestehender Stoff dazu gehrt, um die Entfernungen des Jupiters oder Saturns von der Sonne beiden zu einer glcklichen Stellung zu machen.

Endlich scheint noch die Trefflichkeit der Naturen in diesen oberen Himmelsgegenden durch einen physischen Zusammenhang mit einer Dauerhaftigkeit, deren sie wrdig ist, verbunden zu sein. Das Verderben und der Tod knnen diesen trefflichen Geschpfen nicht so viel, als uns niedrigen Naturen anhaben. Eben dieselbe Trgheit der Materie und Grobheit des Stoffes, die bei den unteren Stufen das specifische Principium ihrer Erniedrigung ist, ist auch die Ursache desjenigen Hanges, den sie zum Verderben haben. Wenn die Sfte, die das Thier oder den Menschen nhren und wachsen machen, indem sie sich zwichen seine Fserchen einverleiben und an seine Masse ansetzen, nicht mehr zugleich dessen Gefsse und Canle in der Raumesausdehnung vergrssern knnen, wenn das Wachsthum schon vollendet ist: so mssen diese sich ansetzende Nahrungssfte durch eben den mechanischen Trieb, der, das Thier zu nhren, angewandt wird, die Hhle seiner Gefsse verengen und verstopfen und den Bau der ganzen Maschine in einer nach und nach zunehmenden Erstarrung zu Grunde richten. Es ist zu glauben, dass, obgleich die Vergnglichkeit auch an den vollkommensten Naturen nagt, dennoch der Vorzug in der Feinigkeit des Stoffes, in der Elasticitt der Gefsse und der Leichtigkeit und Wirksamkeit der Sfte, woraus jene vollkommnere Wesen, welche in den entfernten Planeten wohnen, gebildet sind, diese Hinflligkeit, welche eine Folge aus der Trgheit einer groben Materie ist, weit lnger aufhalten und diesen Creaturen eine Dauer, deren Lnge ihrer Vollkommenheit proportionirt ist, verschaffen werde, so wie die Hinflligkeit des Lebens der Menschen ein richtiges Verhltniss zu ihrer Nichtswrdigkeit hat.

Ich kann diese Betrachtung nicht verlassen, ohne einem Zweifel zuvor zu kommen, welcher, natrlicher Weise aus der Vergleichung dieser Meinungen mit unseren vorigen Stzen entspringen knnte. Wir haben in den Anstalten des Weltbaues an der Menge der Trabanten, welche die Planeten der entferntesten Kreise erleuchten, an der Schnelligkeit der Achsendrehungen und dem gegen die Sonnenwirkung, proportionirten Stoffe ihres Zusammensatzes die Weisheit Gottes erkannt, welche alles dem Vortheile der vernnftigen Wesen, die sie bewohnen, so zutrglich angeordnet hat. Aber wie wollte man anjetzt mit der Lehrverfassung der Absichten einen mechanischen Lehrbegriff zusammen reimen, so dass, was die hchste Weisheit selbst entwarf, der rohen Materie und das Regiment der Vorsehung der sich selbst berlassenen Natur zur Ausfhrung aufgetragen worden? Ist das erstere night vielmehr ein Gestndniss, dass die Anordnung des Weltbaues nicht durch die allgemeinen Gesetze der letzteren entwickelt worden?

Man wird diese Zweifel bald zerstreuen, wenn man auf dasjenige nur zurck denkt, was in gleicher Absicht in dem vorigen angefhrt worden. Muss nicht die Mechanik aller natrlichen Bewegungen einen wesentlichen Hang zu lauter solchen Folgen haben, die mit dem Project der hchsten Vernunft in dem ganzen Umfange der Verbindungen wohl zusammenstimmt? Wie kann sie abirrende Bestrebungen und eine ungebundene Zerstreuung in ihrem Beginnen haben, da alle ihre Eigneschaften, aus welchen sich diese Folgen entwickeln, selbst ihre Bestimmung aus der ewigen Idee des gttlichen Verstandes haben, in welchem sich alles nothwendig auf einander beziehen und zusammenschicken muss? Wenn man sich recht besinnt, wie kann man die Art zu urtheilen rechtfertigen, dass man die Natur als ein widerwrtiges Subject ansieht, welches nur durch eine Art von Zwange, der ihrem freien Betragen Schranken setzt, in dem Gleise der Ordnung und der gemeinschaftlichen Harmonie kann erhalten werden, wofern man nicht etwa dafr hlt, dass sie ein sich selbst genugsames Principium sei, dessen Eigneschaften keine Ursache erkennen, und welche Gott, so gut als es sich thun lsst, in den Plan seiner Absichten zu zwingen trachtet? Je nher man die Natur wird kennen lernen, desto mehr wird man einsehen, dass die allgemeinen Beschaffenheiten der Dinge einander nich fremd und getrennt sind. Man wird hinlnglich berfhrt werden, dass sie westentliche Verwandtschaften haben, durch die sie sich von selber anschicken, einander in Errichtung vollkommener Verfassungen zu untersttzen, die Wechselwirkung der Elemente zur Schnheit der materialischen und doch auch zugleich zu den Vortheilen der Geisterwelt, und dass berhaupt die einzelnen Naturen der Dinge in dem Felde der ewigen Wahrheiten schon untereinander, so zu sagen, ein System ausmachen, in welchem eine auf die andere beziehend ist; man wird auch alsbald inne werden, dass die Verwandtschaft ihnen von der Gemeinschaft des Ursprungs eigen ist, aus dem sie insgesammt ihre wesentlichen Bestimmungen geschpft haben.

Und um daher diese wiederholte Betrachtung zu dem vorhabenden Zwecke anzuwenden: Eben dieselbe allgemeine Bewegungsgesetze, die den obersten Planeten einen entfernten Platz von dem Mittelpunkte der Anziehung und der Trgheit in dem Weltsystem angewiesen haben, haben sie dadurch zugleich in die vortheilhafteste Verfassung gesetzt, ihre Bildungen am weitesten von dem Beziehungspunkte der groben Materie und zwar mit grsserer Freiheit anzustellen; sie haben sie aber auch zugleich in ein regelmssiges Verhltniss zu dem Einflusse der Wrme versetzt, welche sich nach gleichem Gesetze aus eben dem Mittelpunkte ausbreitet. Da nun eben diese Bestimmungen es sind, welche die Bildung der Weltkrper in diesen entfernten Gegenden ungehinderter, die Erzeugung der davon abhngenden Bewegungen schneller und, kurz zu sagen, das System wohlanstndiger gemacht haben, da endlich die geistigen Wesen eine nothwendige Abhngigkeit von der Materie haben, an die sie persnlich verbunden sind: so ist kein Wunder, dass die Vollkommenheit der Natur von beiderlei Orten in einem einzigen Zusammenhange der Ursachen und aus gleichen Grnden bewirkt worden. Diese bereinstimmung ist also bei genauer Erwgung nichts Pltzliches oder Unerwartetes, und weil die letzteren Wesen durch ein gleiches Principium in die allgemeine Verfassung der materialischen Natur eingeflochten worden: so wird die Geisterwelt aus eben den Ursachen in den entfernten Sphren vollkommener sein, weswegen es die krperlich ist.

So hngt denn alles in dem ganzen Umfange der Natur in einer ununterbrochenen Gradfolge zusammen durch die ewige Harmonie, die alle Glieder auf einander beziehend macht. Die Vollkommenheiten Gottes haben sich in unsern Stufen deutlich offenbart und sind nicht weniger herrlich in den niedrigsten Classen, als in den erhabnern.

 
Welch eine Kette, die von Gott den Anfang nimmt, was fr Naturen
Von himmlischen und irdischen, von Engeln, Menschen bis zum Vieh,
Vom Seraphim bis zum Gewrm! O Weite, die das Auge nie
Erreichen und betrachten kann,
Von dem Unendlichen zu dir, von dir zum Nichts!
Pope

Wir haben die bisherige Muthmassungen treulich an dem Leitfaden der physischen Verhltnisse fortgefhrt, welcher sie auf dem Pfade einer vernnftigen Glaubwrdigkeit erhalten hat. Wollen wir uns noch eine Ausschweifung aus diesem Gleise in das Feld der Phantasie erlauben? Wer zeigt uns die Grenze, wo die gegrndete Wahrscheinlichkeit aufhrt und die willkrlichen Erdichtungen anheben? Wer ist so khn, eine Beantwortung der Frage zu wagen: ob die Snde ihre Herrschaft auch in den andern Kugeln des Weltbaues ausbe, oder ob die Tugend allein ihr Regiment daselbst aufgeschlagen?

Die Sterne sind vielleicht ein Sitz verklrter Geister,
Wie hier das Laster herrscht, ist dort die Tugend Meister.
v. Haller

Gehrt nich ein gewisser Mittelstand zwischen der Weisheit und Unvernunft zu der unglcklichen Fhigkeit sndigen zu knnen? Wer weiss, sind also die Bewohner jener entfernten Weltkrper nich zu erhaben und zu weise, um sich bis zu der Thorheit, die in der Snde steckt, herabzulassen, diejenigen aber, die in den unteren Planeten wohnen, zu fest an die Materie geheftet und mit gar zu geringen Fhigkeiten des Geistes versehen, um die Verantwortung ihrer Handlungen vor dem Richterstuhle der Gerechtigkeit tragen zu drfen? Auf diese Weise wre die Erde und vielleicht noch der Mars (damit der elende Trost uns ja nicht genommen werde, Gefhren des Unglcks zu haben) allein in der gefhrlichen Mittelstrasse, wo die Versuchung der sinnlichen Reizungen gegen die Oberherrschaft des Geistes ein starkes Vermgen zur Verleitung haben, dieser aber dennoch diejenige Fhigkeit nicht verleugnen kann, wodurch er im Stande ist, ihnen Widerstand zu leisten, wenn es seiner Trgheit nicht vielmehr gefiele, sich durch dieselbe hinreissen to lassen, wo also der gefhrliche Zwischenpunkt zwischen der Schwachheit und dem Vermgen ist, da eben dieselbe Vorzge, die ihn ber die niederen Classen erheben, ihn auf eine Hhe stellen, von welcher er wiederum unendlich tiefer unter diese herabsinken kann. In der That sind die beiden Planeten, die Erde und der Mars, die mittelsten Glieder des planetischen Systems, und es lsst sich von ihren Bewohnern vielleicht nicht mit Unwahrscheinlichkeit ein mittlerer Stand der physischen sowohl, als moralischen Beschaffenheit zwischen den zwei Endpunkten vermuthen; allein ich will diese Betrachtung lieber denjenigen berlassen, die mehr Beruhigung bei einem unerweislichen Erkenntnisse und mehr Reigung dessen Verantwortung zu bernehmen bei sich finden.


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